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Verfasst am: Sat Oct 25, 2008 2:56 pm Titel: Rundfunkstimme mit Gemeinschaftssinn |
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Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung
Rundfunkstimme mit Gemeinschaftssinn
25.10.2008 00:00 Uhr -
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden
Im kleinen, renommierten SWR-Vokalensemble singt er die kompliziertesten, oft abgehobenen Werke der Chorliteratur des 20. Jahrhunderts ein. Und leitet gleichzeitig den Döffinger Liederkranz. Wie, ja geht das überhaupt zusammen? Es ging. Nach 40 Jahren als Liederkranzchef tritt Tenor Wolfgang Isenhardt nun als Leiter des Döffinger Liederkranzes ab.
„1968 sieht sich der Vorstand auf Wunsch des bisherigen Dirigenten Albrecht Rau nach einem neuen Dirigenten um“ vermerkt trocken die Liederkranz-Chronik. Es klingelt schließlich an der Tür von Isenhardts Eltern, die seit 1960 am Döffinger Kapellenberg wohnen. „Das Ende vom Lied war: Ich hab gesagt, probieren wir’s mal“, erinnert sich der Erwählte Wolfgang Isenhardt, der damals keine Dirigiererfahrung hat und mehr in Stuttgart lebt. Hier studiert er nach Klarinette und Klavier an der Musikhochschule Gesang, gehört aber längst zum Montanara-Chor und wird bereits regelmäßig vom Südfunk-Chor, dem späteren SWR-Vokalensemble, engagiert. Kurzum, er kommt zur Stelle als Liederkranzleiter wie, so Originalton Isenhardt, „die Jungfrau zum Kinde“. Der aus heiterem Himmel einherschwebende Dirigierstab bleibt vierzig Jahre in seinen Händen.
„Sowas von lieb und nett“
Nun heißt es Fine. Für den Liederkranz bricht eine Welt zusammen. Denn auch wenn ein Nachfolger Isenhardts bereit steht, viele sehen nun eine existenzielle Krise kommen, weil einige Sänger nur eine Gleichung kennen: Liederkranz gleich Isenhardt.
Warum der Rundfunktenor überhaupt von der Probierstunde anno 68 in die Verlängerung geht, hat wohl ganz überwiegend menschliche Gründe. „Die Leute waren sowas von lieb und nett“, sagt er. Kein Wunder. Sein Amtsvorgänger war Landwirt. Bei dieser Qualitätsexplosion am Pult strengen sie sich beim Wolfgang – mit vielen im Chor ist er heute per du – richtig an. „Sie waren sehr fleißig und aufgeschlossen“, erzählt er. „Und da ich von Natur aus ein Gemeinschaftsmensch bin, ist es mir auch nicht schwer gefallen.“
Endlosgeschichten könnte er aus seiner Sängerkarriere erzählen, die ihn allein im Rampenlicht zeigen. Zum Beispiel als er März 72 bei den Hymnuschorknaben zur Verstärkung steht bei Bachs Matthäuspassion in der vollen Stuttgarter Stiftskirche. Der Solist muss bei der anspruchsvollen Partie plötzlich passen. Chorleiter Professor Gerhard Wilhelm beordert Isenhardt nach vorn, der die Solorolle übernehmen muss. „Das war mein Durchbruch.“ Er wird ein gesuchter Passionensolist. Bis jetzt ist er als Sänger gefragt. Während er 2000 beim SWR-Vokalensemble aufhörte, sang er noch vergangenes Jahr im Belcanto-Quintett. Bis heute gehört der 67-Jährige zum Montanara-Chor.
Bei der Schilderung der schönsten Erlebnisse seiner Musiklaufbahn gibt es aber keinen Isenhardt solo. So wie 1988 die Einspielung von Mahlers „Sinfonie der Tausend“ mit allen deutschen Rundfunkchören zählt er zu seinen Highlights nur Konzerte, bei denen er als Chorist einer unter Vielen ist. Das ist Isenhardt, der Gemeinschaftsmensch.
Ran ans Geschirr
Mag sein, dass für diesen Gemeinsinn das Aufwachsen in einer großen Familie mit fünf Geschwistern als Sohn eines Berufsklarinettisten wichtig ist, der Döffinger selbst hebt die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben heraus. Als Zehnjähriger steigt er dort ein, wird später Stimmbildner beim Knabeneliteensemble und Assistent von Hymnusleiter Wilhelm. „Ohne Hymnus wäre ich nicht geworden was ich bin.“
Nasenspitze oben in der Welt der Profiensembles tragen und den Liederkranzlaien da unten nur die Nasenlöcher zeigen, das jedenfalls gibt’s bei ihm nicht. Er ist gesellig und steht wie selbstverständlich bei Liederkranzfesten am Geschirrmobil oder springt beim Zwiebelkuchenbacken ein.
Nicht überstreng, aber genau
Unbestritten hat der Liederkranz von Isenhardts Kompetenz profitiert. So stehen auf der Chor-Repertoireliste Werke wie Schütz’ Weihnachtsoratorium, die man eher bei Konzertchören vermutet. Kein überstrenger, aber ein genauer Chorleiter ist er. Mit Tricks hob er immer wieder die Stimmqualität, baute etwa vom Chor unbemerkt in die Probe Stimmübungen ein. Andere Chöre sind überrascht, wie witzig eine Probe sein kann, wenn Isenhardt sie leitet.
Dabei erwartet er eine halbwegs professionelle Einstellung von Laien. Wird Probe geschwänzt, weil die Nationalelf spielt, regt ihn das auf. Isenhardt: „Sie wollen, dass sie angesehen sind. Dann muss man aber auch Leistung bringen.“ Aber auch Fehlzeiten, etwa weil Kinder einen brauchen, kann nicht auf großes Verständnis hoffen. Da meint Chor-Mann und -Frau dagegen den Chef durchaus zu verstehen. Sie sagen sich dann: Wir haben halt Familie, der Wolfgang lebt dagegen ganz für seine Musik.
Nicht ganz. Über dreißig Jahre war er im Döffinger Tischtennis aktiv inklusive Vereinsmeistertitel. Seit zwei Jahren spielt er Tennis für den TC Dätzingen in der Herrenmannschaft 60 II.
Abschiedskonzert mit und für Wolfgang Isenhardt am Freitag, 14. November in der Johanneskirche Döffingen um 20 Uhr mit Werken Beethovens und Mendelssohns. Konzertwiederholung am Samstag, 15. November um 19 Uhr in der Johanneskirche Sindelfingen.
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