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Verfasst am: Mon Dec 28, 2009 4:01 pm Titel: Kleine Ohnmacht ohne bleibende Folgen |
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Kleine Ohnmacht ohne bleibende Folgen
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 28.12.2009
Konzert Die Hymnus-Chorknaben haben im Stuttgarter Beethovensaal Bachs Weihnachtsoratorium gesungen.
Von Jürgen Hartmann
Respektlos nennen manche Musiker die Weihnachtszeit "Bethlehem-Rallye", denn was vielen von ihnen erkleckliche Verdienstmöglichkeiten bietet, oft zusätzlich zur festen Orchesterstelle, kann ziemlich anstrengend sein. So fiel einer der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben am Ende des langen Weihnachtsoratoriums im Beethovensaal unversehens in Ohnmacht. Zum Glück wurde er hinter den Kulissen schnell aufgemuntert und durfte den mächtigen Schlussapplaus mit seinen kleinen und größeren Kollegen und dem Dirigenten Hanns-Friedrich Kunz in ihrer Mitte entgegennehmen.
Den Beifall hatte sich der mit rund 150 Sängern riesige Knabenchor hart verdient: Johann Sebastian Bachs sechsteiliges Oratorium ist nun einmal eine ausgedehnte Sache, auch wenn man gegen den Willen des Komponisten hier und da eine Wiederholung kürzt und so seine Absicht verfälscht. Hanns-Friedrich Kunz verfolgt mit seiner Bach-Interpretation einen gediegenen Mittelweg, lässt die eröffnenden Pauken überraschend sanft anschlagen und die (hervorragend musizierenden) Trompeter eher lieblich als schneidend schmettern. Die Streicher dürfen sogar ein wenig vibrieren, was die eine oder andere Ungenauigkeit im erweiterten Ensemble Musica Viva Stuttgart gnädig verdeckt.
Das Weihnachtsoratorium mit einem Knabenchor zu hören, ist ein besonderes Erlebnis, das Bachs eigene Leipziger Arbeit mit den Thomanern in Erinnerung ruft. Allerdings sind bei einem derart großen Chor beträchtliche Unschärfen in Einsätzen und Klangbild in Kauf zu nehmen. Vor allem die wenig differenziert abgesungenen Choräle verlieren so ihre Bedeutung als inhaltliche Zentren des Werkes, die Hörer wie Mitwirkende zum Innehalten und Nachdenken einladen. Die lebhaften Passagen hingegen zeigen die munteren Knaben auf der Höhe ihres Könnens, insbesondere die Altisten fallen durch genaue Artikulation und homogenen Stimmklang auf.
Sehr vital, wenn auch ohne satte Alt-Tiefe gestaltet Annekathrin Laabs ihre Solopartie und verzichtet dabei auf übertriebene Mütterlichkeit. Die kurzfristig für Sibylla Rubens eingesprungene Sopranistin Fanie Antonelou singt ebenmäßig und zurückhaltend, während Thomas Scharr, einstmals aus dem Hymnus-Chor hervorgegangen, mit unstet flackerndem Timbre weit unter den Ausdrucksmöglichkeiten der kraftvoll angelegten Basspartie bleibt.
Ereignis des Abends ist der Tenor Julius Pfeifer, der als Evangelist jedes Wort der Weihnachtsgeschichte hoch differenziert, klangschön, mit einer Prise Melancholie ausdeutet und in seinen Arien mühelos zur kantablen Linie findet. Seine Hirten-Arie, gemeinsam mit Flöte und Cello ein Wunder an Konzentration und Dichte, ließ das ansonsten kräftig durchhustende Publikum im ausverkauften Saal für einmal ganz, ganz still werden.
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2331006_0_9223_-kleine-ohnmacht-ohne-bleibende-folgen.html |
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