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Verfasst am: Tue Mar 16, 2010 6:40 pm Titel: „Die Kleinen sagen noch Du zu mir" |
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„Die Kleinen sagen noch Du zu mir"
Musik in der Großfamilie: Im März nimmt Hanns-Friedrich Kunz Abschied vom Stuttgarter Hymnus-Knabenchor
18 Jahre hat Hanns-Friedrich Kunz (65) Stuttgarts größten Knabenchor geleitet. Am 21. März dirigiert er in seinem letzten Konzert Bachs „Johannespassion", und am 28. März verabschiedet er sich mit einem musikalischen Gottesdienst in der Stiftskirche. Wir haben den Chorleiter auf dem Killesberg besucht.
Von Susanne Benda
Auf dem Tisch liegen drei Postkarten. „Es ist toll, dass Du immer so gute Laune hast", steht auf der einen, und „Ich hoffe, dass Du bald wieder bei uns mitmachst", liest man auf einer anderen. Hanns-Friedrich Kunz hat die Karten geschrieben, es sind Geburtstagsgrüße für drei Jungen, die im Hymnus-Knabenchor mitsingen. Der Chorleiter macht mit seinen Sängerknaben nicht nur Musik, sondern pflegt auch ein persönliches Verhältnis zu ihnen. „Ich brauche das", sagt er selbst, „ich bin doch kein Fließbandarbeiter."
Eben aus diesem Grund war Kunz jetzt 18 Jahre lang nicht nur ein Chorleiter, der sämtliche Proben selbst abhielt, sondern wollte immer auch eine Art großer Bruder für die zurzeit 160 aktiv singenden Knaben im Alter von sieben bis 14 sein. „Die Kleinen", erzählt er, „sagen noch Du zu mir", und: „Ich bin der erste Mann von außen, der in das Leben dieser Kinder tritt, das ist eine große Verantwortung. Für die Jungen, die lange hier sind, bin ich die Person in ihrem Leben, die sie nach ihren Eltern am längsten pädagogisch begleitet hat."
Im Hymnus-Chorheim auf dem Killesberg nimmt man Abschied voneinander, und 18 Jahre sind eine lange Zeit. Für sein letztes Konzert hat der Chorleiter, der sein dirigentisches Handwerk bei Helmuth Rilling lernte, Bachs „Johannespassion" gewählt, denn diese hatte er ein paar Jahre lang nicht aufgeführt. Da sich der Chor „alle drei Jahre fast vollständig umschichtet", musste er das Stück nun neu einstudieren. „Ich wollte", erklärt Kunz, „die Spannung aufrechterhalten und arbeiten bis zuletzt, und während der Proben wollte ich nur an die Aufführung denken, nicht an die Zeit danach."
Als Hanns-Friedrich Kunz 1992, nach eigener reger Konzerttätigkeit als Sänger und nach langjährigen Dirigiererfahrungen im Laienchorbereich, den Hymnus übernahm, stand er zunächst vor gerade mal dreißig Knaben. Er baute Vertrauen auf und pflegte das (fast ausschließlich geistliche) Knabenchor-Repertoire. Er ging in Schulen, stellte den Chor vor, lernte zu lieben, dass „Knaben die Musik intuitiv aufnehmen und in ihr leben - das können Erwachsene nicht mehr". Den letzten großen Zulauf hatte der Hymnus nach seinem „Weihnachtsoratorium für Kinder", das der Chorleiter selbst moderierte. „Die Begeisterung, mit der dieses Projekt aufgenommen wurde", sagt Kunz, „war in den letzten Jahren eines der schönsten Erlebnisse."
Heute ist der Hymnus nicht nur eine lebendige musikalische Ausbildungsstätte, die jährlich etwa 40 Auftritte im Jahr (darunter etwa zwölf Gottesdienste in Stuttgart und der Umgebung) stemmt, sondern auch ein Zentrum des sozialen Lernens. Ältere übernehmen Verantwortung für Jüngere, ohne Regeln für die Kommunikation in der Gruppe funktionieren weder das musikalische Miteinander noch die traditionelle Chorfreizeit im Sommer, und auch mit Macht muss man umgehen lernen.
„Zeit, Kraft und Langmut", gibt der Chorleiter zu, brauche man, um eine solche Gruppe zu leiten, und er habe den Knaben immer „das Gefühl vermitteln wollen, ich lasse keinen fallen". Dann erzählt er, wie er einmal bei einer Reise mit einem Jungen sprach, der über die Besetzung seines Zimmers unglücklich war, weil er einen anderen Jungen nicht mochte. „Mich kannst du aber doch leiden", hatte er den Kleinen da zu trösten versucht - woraufhin der mit den Worten „Nein, überhaupt nicht" rasch aus dem Zimmer lief.
Scheiden tut weh, und mancher Rückblick stimmt melancholisch. Doch: „Ich übergebe den Chor in einem Zustand, in dem ich ihn gerne gehabt hätte, als ich ihn übernahm, und ich freue mich für meinen Nachfolger Johannes Homburg, dass das so ist", sagt Hanns-Friedrich Kunz - und hofft für die Zukunft, dass „sein" Hymnus die enger werdende Freizeit der Schüler nicht noch größere organisatorische Probleme bereiten wird.
„Man muss den Sack zubinden, bevor er voll ist", sagt Kunz dann auch noch. Wie traurig er wirklich ist, spürt man erst, als er über die Stücke spricht, die er in seinem Abschiedsgottesdienst dirigieren wird. Bachs Motette „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf" ist darunter, und Kunz zitiert den Text: „Dass wir hie ritterlich ringen, / durch Tod und Leben zu dir dringen." Das, merkt man, lässt den 65-Jährigen nicht kalt. Abschied ist immer ein bisschen wie sterben.
„Johannespassion" mit dem Hymnus: Sonntag, 21. März, 18 Uhr, Stiftskirche
Abschiedsgottesdienst für Hanns-Friedrich Kunz: Sonntag, 28. März, 10 Uhr, Stiftskirche. Der Hymnus singt Bachs „Himmelskönig, sei willkommen" und „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf"
BENDA
© 2010 Stuttgarter Nachrichten
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